Hochschulreform in Frankreich

Bienvenue en France? Mais non

Im weltweiten Wettbewerb will Frankreich seine Hochschulen neu aufstellen. Über die Reform streitet das Land seit vielen Jahren schon. Doch nach und nach werden die Schwächen deutlich. Und es steigt der Unmut über ein Vorhaben, das Frankreichs Universitäten eigentlich groß machen sollte – sie nun aber den Ruf kosten könnte.

Ein kleiner Rückblick: Das Hochschulsystem in Frankreich ist traditionell zentral organisiert. Der Umbau erfolgt schrittweise. Er geht mit höheren Autonomierechten für Universitäten einher und dient dazu, die Wettbewerbsfähigkeit der Hochschulen insgesamt zu stärken. So sollen Universitäten einerseits den Anspruch auf Exzellenz in der Forschung wahren – und andererseits zugleich den Studierenden-Andrang bewältigen können. Im Jahr 2007 erhielten Universitäten das Recht, ihre Etats eigenständig zu verwalten. Das bedeutet neuerdings unter anderem, dass Universitäten die regelmäßigen Gehaltserhöhungen aus ihren eigenen Budgets finanzieren.

Denn die Zuweisungen des Staats steigen nicht automatisch. So haben Frankreichs Universitäten seit Jahren mit einer sinkenden Grundfinanzierung zu kämpfen. Auch in den Personalstrukturen knirscht es. Vom Lehrstuhlsystem verabschiedete sich das Land schon vor Jahrzehnten. Seitdem kann jede.r Wissenschaftler.in kurz nach der Promotion als maître.sse de conférences einen Ruf erhalten und selbstständig forschen. Der Preis dieser Freiheit: ein Gehalt, das weit unter dem OECD-Durchschnitt liegt. Wenig attraktiv sind die Stellen auch, weil sie in einem hohen Maß mit Verwaltungstätigkeiten verbunden sind.

Während die Ausschreibungen und Einstellungen von Professor.innen und maître.sse de conférences seit zehn Jahren kontinuierlich zurückgehen – nur noch sieben Prozent der Promovierten können auf eine solche Stelle hoffen – sorgen eine Pensionierungswelle und steigende Studierendenzahlen für einen erhöhten Personalbedarf. Die Betreuungssituation wird immer angespannter, sowohl in kleinen als auch in großen Universitäten. Eine bevorzugte Finanzierungslösung für den wachsenden Personalbedarf besteht darin, die Immatrikulationsgebühren für internationale Studierende zu erhöhen.

Sparen, und dabei exzellent bleiben, so also lautet das Grundmotto der französischen Hochschulreformen. Doch geht das überhaupt zusammen? Was heißt das für die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandorts Frankreich? Nichts Gutes. Anstatt die grundlegende Finanzierungslücke zu beheben und die Budgets der Universitäten maßgeblich zu erhöhen, versucht die Regierung Emmanuel Macron die Flucht nach vorn – und setzt dabei nicht zuletzt auf internationale Studierende als Finanziers.

Um diese nach Frankreich zu locken, präsentieren sich Universitäten auf dem Webportal „Bienvenue en France“. Dort dürfen sich jedoch nur die Einrichtungen darstellen, die bestimmte vom Ministerium definierte Kriterien erfüllen und das Portal mitfinanzieren – aus eigenen Budgets. In jährlichen Auswahlverfahren wird entschieden, welche Universitäten auf dem Portal zu sehen sind. Seit seiner Einführung 2019 konnten 89 Einrichtungen erfolgreich am Bewerbungsverfahren teilnehmen, die nun in den kommenden vier Jahren auf dem Portal stehen dürfen.

Ausländische Studierende sollen sich über dieses Portal um Studienplätze in Frankreich bewerben. Eine Alternative gibt es nicht – weder für die Geldbeutel der Studierenden noch für die Hochschulen.

Das belastet die ohnehin angespannte Beziehung zur Regierung in Paris zusätzlich. Noch schwerer allerdings sind die Folgen der Hochschulpolitik für Frankreichs Ruf als Wissenschaftsnation in einer globalisierten Welt: Bienvenue en France? Mais non.

Anne Baillot

Dr. Anne Baillot ist Professorin für Germanistik an der Le Mans Université.

https://www.zeit.de/wissendrei/index

https://www.daad.de/de/laenderinformationen/europa/frankreich/ueberblick-bildung-und-wissenschaft/