Habermas und die Literatur

Essay von Habermas: Es bleibt die Literatur

Jürgen Habermas sieht unsere politische Zukunft durch die sozialen Medien bedroht. Hoffnung macht ihm die Asozialität von Kunst und Literatur.

28.6.2020 - 17:02 , Arno Widmann

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Jürgen Haberrmas. Foto: imago images/GlobalImagens

„Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies - kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ Dieser Satz findet sich in der Anthologie „Warum Lesen – Mindestens 24 Gründe“, die im Suhrkamp Verlag (345 Seiten, 22 Euro) erschienen ist.

Wir lesen, so schreibt Habermas, nicht um uns über bestimmte Sachverhalte aufzuklären, sondern – damit kommt er Adorno näher, als er ihm in den letzten 60 Jahre wohl je war –, „um wenigstens manchmal einige Zipfel jener vorsprachlich präsenten Erfahrungen, aus denen wir intuitiv leben und mit denen wir dahinleben, als solche zu ergreifen und uns anschaulich vor Augen zu führen. Ob sie nun schön sind oder schrecklich.“ (…) Nur wenige Menschen sind in der Lage, die Farben, Formen, Töne und Worte zu finden, die unser Inneres so umzugraben verstehen, dass wir es als unser eigenes, in uns vor uns selbst – zu unserem Glück oder Unglück – Verborgenes erkennen. Habermas schreibt das nicht, aber dass es niemals aufhören wird mit diesem Überschuss, darin setzt er – so gefährlich die sozialen Medien für die Entwicklung der Demokratie auch sein mögen – seine Hoffnung.

Zu dem Artikel von Arno Widman