Corana und die Folgen

ZEIT WISSEN 3: Wachsende Ungleichheit zwischen Universitäten in der Krise

Um die durch die Corona-Pandemie verursachten Beeinträchtigungen in der Hochschulbildung besser zu verstehen, hat die Internationale Vereinigung der Universitäten (IAU) den „IAU-Global Survey on the Impact of COVID-19 on Higher Education around the World“ (PDF) im März gestartet.

Bis April erhielten die Forscher insgesamt 576 Antworten von 424 Universitäten in der ganzen Welt. An fast allen Hochschuleinrichtungen, die auf die Umfrage geantwortet haben, wirkte sich Covid-19 deutlich auf das Lehren und Lernen aus, wobei rund zwei Drittel berichteten, dass die Präsenzlehre durch Fernunterricht ersetzt wurde.

Die häufigste Auswirkung von Corona auf die Forschung der Einrichtungen war die

  • Annullierung internationaler Reisen (83 Prozent) und
  • die Annullierung oder Verschiebung wissenschaftlicher Konferenzen (81 Prozent).

Dies deutet darauf hin, dass die internationale Komponente der Forschung am stärksten betroffen war.

Die negativen Auswirkungen der Pandemie gehen jedoch noch darüber hinaus, da etwas mehr als die Hälfte der Hochschuleinrichtungen (52 Prozent) angaben, dass wissenschaftliche Projekte Gefahr laufen, nicht abgeschlossen zu werden; 21 Prozent gaben sogar an, dass die wissenschaftliche Forschung vollständig eingestellt wurde.

Andererseits ist es interessant festzustellen, dass 60 Prozent der Hochschulen, die auch über positive Effekte berichteten, angaben, dass die Pandemie neue Möglichkeiten mit Partnerinstitutionen geschaffen habe, teilweise seien bestehende Partnerschaften sogar gestärkt worden. Die Daten über Partnerschaften und gesellschaftliches Engagement deuten darauf hin, dass es zwei verschiedene Gruppen von Hochschuleinrichtungen gibt, wobei sich die eine Gruppe in einer schwächeren Position als die andere befindet, und die Folgen der Krise negativer spürt. Dies zeigt, dass in der fortbestehenden Krise ein ernsthaftes Risiko einer wachsenden Ungleichheit zwischen den globalen Hochschuleinrichtungen existiert. Dieses Risiko lasse sich am besten minimieren durch mehr Zusammenarbeit zwischen Hochschulen sowie zwischen Hochschulen, Regierungen, dem Privatsektor und der Gesellschaft insgesamt innerhalb und zwischen den Ländern, schreiben Giorgio Marinoni und Hans de Wit bei University World News.

Diskussion um Präsenzlehre geht weiter

Präsenzlehre – ja oder nein? Von einem offenen Brief einer Gruppe von Hochschullehrern vor zwei Wochen war bereits die Rede. Jetzt melden sich Berliner Abiturienten und Studierende, die sich im Kinder- und Jugendparlament Charlottenburg-Wilmersdorf engagieren, zu Wort. Das Lernen an der Uni drohe ein „Selbststudium“ zu werden. Insbesondere Studienanfängern müsse es ermöglicht werden, sich in einen normalen Universitätsalltag einzufinden. Sie haben dazu ein „Konzept zur Wiederaufnahme der Seminare und Tutorien in Präsenzform im Wintersemester“ vorgelegt (Tagesspiegel). Miguel Gongora, der Vorsitzende des Kinder- und Jugendparlaments, sagte, ihm lägen Beschwerden von Erstsemestern und anderen Studierenden vor, die im laufenden Digitalsemester nicht gut zurechtkommen.

Und nicht nur in Deutschland wird die Frage, ob eine Rückkehr zu Präsenzlehre an den Universitäten angebracht ist, diskutiert. In der Neuen Zürcher Zeitung bezieht Ulrich M. Schmid, Prorektor für Außenbeziehungen an der Universität St. Gallen, Stellung und statiert: Die Universität sei „fundamental auf leibhaftige Begegnung angewiesen“.

In der New York Times hält Laurence Steinberg, Professor für Psychologie an der Temple University, allerdings dagegen: „Expecting students to play it safe if colleges reopen is a fantasy“. Er plädiert dafür, an der Online-Lehre festzuhalten.

Folgen für schulisches Lernen

Wie werden sich die mehrmonatigen Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie auf die zukünftige Entwicklung der betroffenen Kinder und Jugendlichen auswirken?

Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, verweist auf Erkenntnisse - PDF, dass ausbleibender Schulunterricht die Kompetenzentwicklung und den zukünftigen Arbeitsmarkterfolg dauerhaft schmälert. Umfangreiche bildungsökonomische Forschung lege nahe, dass der Verlust des Lernens von einem Drittel Schuljahr im Durchschnitt mit rund 3 bis 4 Prozent geringerem Erwerbseinkommen über das gesamte Berufsleben einhergeht. Siehe auch hier.