Adorno Radio Essay

Kultur und Verwaltung von 1959

Band 8: Soziologische Schriften I: Kultur und Verwaltung. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1972, S. 122-146)

Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung. Kultur ist gemäß deutscher Begrifflichkeit der Verwaltung erst einmal entgegengesetzt. Sie soll das Höhere und Reine sein, das, was nicht angetastet und zurechtgestutzt wird.

Die Kultur ist damit der nackten Notdurft des Überlebens enthoben. Was jedoch unter die nützlichen Güter eingereiht wird, ging schon immer über die biologischen Notwendigkeiten des Überlebens hinaus. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist keine statische Naturkategorie, sondern folgt dem jeweils historisch erreichten Standard. Umgekehrt ist das Nützliche nichts Unmittelbares, da nicht aus Gründen der Nützlichkeit, sondern um des Profits Willen produziert wird. Kultur soll daher als bewusst unnütz von den Planungsmethoden der materiellen Produktion unterschieden sein, damit auf der anderen Seite das angeblich Nützliche an Profil gewinnt. Kultur erhält Kultur und Verwaltung allen Institutionen gegenüber ein kritisches Moment: Indem überhaupt etwas gedeiht, was nicht zu verwerten ist, zeigt Kultur die Fragwürdigkeit der herrschenden Praxis auf. Durch ihr Unpraktischsein hat die Kunst einen polemischen Zug und wird erst wenn der Kulturbegriff seine mögliche Beziehung zur Praxis einbüßt, ein Moment des Betriebs.

Das Polemische und Unnütze wird dann zum Nichtigen oder zum schlechten Nützlichen, nämlich zu den Produkten der Kulturindustrie. Man lässt Kultur in einer Art Zigeunerwagen herumfahren, doch dieser Zigeunerwagen bewegt sich in einer monströsen Halle. Es gibt keine Schlupfwinkel mehr. Keine Armut in Würde, nicht einmal mehr die Möglichkeit des Überwinterns für den, der aus der Verwaltung herausfällt.

Spontaneität schwindet, weil die Planung des Ganzen der einzelnen Regung vorgeordnet ist. Kritik wird ausgehöhlt, weil der kritische Geist den reibungslosen kulturellen Ablauf stört. Stattdessen reift parallel zur östlichen Spruchbanddenkerei eine westliche UNESCO-Philosophie heran. Willfährige Intellektuelle, die lebensbejahend den kritischen Geist verdächtigen, finden sich genug.

Der für die Verwaltungswelt typische Jargon ist nicht die Verwaltungssprache alten Stils, in der noch eine relative Trennung zwischen Verwaltung und Kultur vorlag. Die Verwaltung plustert sich mit Sprachbestandteilen aller gesellschaftlichen Bereiche auf, als wäre jeder Beamte sein eigener Radiosprecher. Nimmt man den Begriff Kultur als die Entbarbarisierung der Menschen, der sie dem Zustand bloßer Natur enthebt, so ist Kultur misslungen. Kultur ist längst in sich selber fragwürdig zum geronnenen Inhalt des Bildungsprivilegs geworden, der sich als verwalteter Anhang in den Produktionsprozess eingliedert.